Autor: Dirk Schröder I Veröffendlichung am: 01.082026
KI in der Bildbearbeitung für Fotografen
Für Fotografen ist KI in der Bildbearbeitung vor allem eines: eine Automatisierung von Arbeitsschritten, die bisher viel Handarbeit erfordert haben. Dabei sollte man zwei Dinge unterscheiden: KI, die ein vorhandenes Foto analysiert und optimiert, und generative KI, die neue Bildinhalte erzeugt. Für die fotografische Praxis ist diese Unterscheidung ziemlich wichtig.
Was macht KI bei Fotos eigentlich?
Klassische Bildbearbeitung folgt einer direkten Anweisung: „Belichtung +0,5“, „Sättigung −10“, „diesen Bereich weichzeichnen“. KI kann dagegen den Bildinhalt erkennen. Sie erkennt beispielsweise Personen, Gesichter, Haut, Haare, Himmel, Tiere, Vorder- und Hintergrund oder Bildrauschen und kann daraus automatisch Masken und Bearbeitungsvorschläge ableiten.
Noch weiter geht generative KI. Sie kann Bildteile neu erzeugen – etwa einen störenden Gegenstand entfernen und den Hintergrund rekonstruieren oder eine fehlende Bildfläche beim Erweitern des Ausschnitts ergänzen.
Das bedeutet: KI ersetzt nicht unbedingt die fotografische Bearbeitung, sondern zunehmend die mühsamen Zwischenschritte.
Typische Anwendungen für Fotografen
Sehr nützlich ist KI heute bei Maskierungen. Statt beispielsweise Haare oder einen Himmel mühsam auszuwählen, erkennt die Software das Motiv automatisch. Capture One kann etwa Personen bis hin zu Haut, Haaren, Augen und Gesichtszügen erkennen; DxO PhotoLab 9 bietet ebenfalls KI-Masken für Himmel, Personen, Hintergrund, Tiere usw.
Ein zweites großes Gebiet ist Entrauschen und Schärfen. Hier kann KI erstaunlich viel leisten. Gerade bei hohen ISO-Werten, Tier-, Sport-, Konzert- oder Nachtfotografie können moderne Verfahren zwischen tatsächlichen Details und Bildrauschen unterscheiden.
Dazu kommen Porträtretusche, automatische Haut- und Gesichtsmasken, Entfernen von Hautunreinheiten, Aufhellen von Augen oder Zähnen, automatische Bildausschnitte, Perspektivkorrekturen und das Übertragen eines Looks auf ganze Serien. Capture One hat solche Funktionen inzwischen direkt in seinen fotografischen Workflow integriert.
Und schließlich gibt es die generative Bildbearbeitung: Personen, Kabel, Schilder oder andere störende Elemente entfernen, Bildränder erweitern oder neue Inhalte erzeugen. Adobe Lightroom verwendet dafür beispielsweise Firefly in „Generative Remove“.
Die Vorteile:
Der größte Vorteil ist Zeit. Wenn bei 800 Hochzeitsfotos die Personen automatisch erkannt und maskiert werden oder eine Einstellung intelligent auf eine ganze Serie übertragen werden kann, ist der Unterschied enorm.
Ein zweiter Vorteil ist die Qualität technischer Korrekturen. Besonders beim Entrauschen und teilweise beim Schärfen sind KI-Verfahren inzwischen sehr leistungsfähig. Fotos, die früher wegen hoher ISO-Einstellungen problematisch gewesen wären, können durchaus noch brauchbar werden.
Hinzu kommt die Konsistenz großer Serien. KI-gestützte Werkzeuge können beispielsweise Hauttöne, Belichtung, Zuschnitt oder Look über viele Bilder hinweg angleichen. Gerade für Hochzeiten, Events, Sport, Schul- oder Businessporträts ist das interessant.
Und KI senkt die technische Hürde. Eine komplizierte Freistellung, für die man früher sehr gute Photoshop-Kenntnisse benötigte, kann heute teilweise mit wenigen Klicks erledigt werden.
Die Nachteile:
Der wichtigste Nachteil lautet: KI weiß nicht, was der Fotograf eigentlich beabsichtigt.
Sie kann technisch plausible Entscheidungen treffen, die gestalterisch falsch sind. Ein perfekt entrauschtes Bild kann beispielsweise steril aussehen. Übertriebene Hautretusche erzeugt Plastikhaut. Starkes KI-Schärfen kann Details erzeugen, die im Original gar nicht vorhanden waren.
Damit kommen wir zu einem wichtigen Punkt:
Rekonstruktion und Erfindung gehen zunehmend ineinander über.
Wenn KI ein unscharfes Auge „wiederherstellt“, muss das Ergebnis nicht unbedingt das tatsächlich fotografierte Auge sein. Bei Landschafts- oder Werbefotografie mag das akzeptabel sein. Bei journalistischer, dokumentarischer, wissenschaftlicher oder forensischer Fotografie kann es dagegen ein ernstes Problem darstellen.
Weitere Nachteile sind Rechenleistung, teilweise Cloud-Abhängigkeit, Abonnement- bzw. Zusatzkosten und Datenschutzfragen. Leistungsfähige KI-Entrauschung kann zudem erhebliche GPU-Leistung benötigen; DxO weist beispielsweise selbst auf den höheren Rechenbedarf seiner DeepPRIME-Verfahren hin.
Und es gibt einen subtileren Nachteil: Wenn Fotografen ständig dieselben automatischen Looks, Presets und Retuschen verwenden, können Bilder austauschbarer werden. KI ist deshalb besonders stark als Assistent – weniger überzeugend als Ersatz für eine eigene fotografische Handschrift.
Welche Programme sind für Fotografen interessant?
Stand 2026 würde ich die Programme nicht einfach nach „bester KI“ sortieren, sondern nach ihrem Einsatzgebiet.
Für viele Berufsfotografen weiterhin die universellste Lösung. Lightroom kombiniert RAW-Entwicklung und Bildverwaltung mit automatischen Motiv-, Personen- und Hintergrundmasken sowie generativer Entfernung und KI-gestützter Hintergrundunschärfe.
Photoshop geht bei Retusche, Compositing und generativer Bearbeitung noch wesentlich weiter.
Besonders geeignet für: Allround-, Hochzeits-, Landschafts-, Werbe- und Studiofotografie sowie Fotografen, die Lightroom und Photoshop ohnehin verwenden.
Für professionelle Fotografen besonders interessant. Capture One verbindet seine bekannte RAW-Entwicklung und Tethering-Funktionen inzwischen stark mit KI-gestützter Maskierung und Retusche. Personenmaskierung erkennt beispielsweise Haut, Haare, Augen und Gesichtszüge; außerdem gibt es automatische Retusche, AI Crop und „Match Look“, um einen Referenzlook auf weitere Aufnahmen zu übertragen.
Besonders geeignet für: Studio, Fashion, Porträt, Hochzeit und kommerzielle Fotografie sowie Tethered Shooting.
DxO PhotoLab / DxO PureRAW
Hier liegt die Stärke weniger bei spektakulärer generativer KI, sondern bei technischer Bildqualität. DeepPRIME kombiniert maschinelles Lernen mit RAW-Verarbeitung und ist besonders für Entrauschen und Detailwiedergabe interessant. PhotoLab 9 verfügt außerdem über KI-Maskierung.
Besonders geeignet für: Landschaft, Architektur, Wildlife, Nacht-, Konzert- und Available-Light-Fotografie – generell Fotografen, denen maximale RAW-Qualität wichtig ist.
Ich würde KI in drei Stufen betrachten:
1. „KI macht meine Arbeit schneller.“
Maskieren, Sortieren, Entrauschen, Retuschieren, Serien angleichen. Das ist für professionelle Fotografie inzwischen ausgesprochen sinnvoll.
2. „KI verbessert Informationen, die meine Kamera aufgenommen hat.“
Entrauschen, Schärfen, Upscaling usw. Hier wird die Grenze bereits etwas unschärfer, aber es bleibt grundsätzlich Fotobearbeitung.
3. „KI erzeugt Informationen, die nie fotografiert wurden.“
Himmel austauschen, Gegenstände erzeugen, Bildflächen generieren, Gesichter rekonstruieren usw. Hier verlassen wir zunehmend die klassische Fotografie und kommen in Richtung synthetisches bzw. hybrides Bild.
Diese Unterscheidung halte ich für wichtiger als die Frage, ob KI grundsätzlich „gut“ oder „schlecht“ für Fotografie ist. Als Assistent ist sie enorm leistungsfähig. Als Ersatz für fotografische Entscheidungen ist sie wesentlich problematischer.

